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«Wie oft gedenken Sie nochmals von vorne zu beginnen, Frau Rausch? Wir sitzen jetzt bald eine Stunde zusammen. Sehen Sie doch einfach ein, dass Sie sich mit ihrer Analyse des Sachverhalts verrannt haben.» Bräm griff nach einem Dokument, das er lässig über den Tisch schob. Mehrmals tippte er mit dem Finger darauf. «Ich empfehle Ihnen, diesmal hier», er tippte nochmals auf eine bestimmte Zeile im Dokument, «mit dem Kleingedruckten im Mandats- und Beratungsvertrag zu beginnen. Frau Rausch, Vertragsvereinbarungen sind gleichermassen gültig, ob sie in Schriftgrösse 18 oder 6 daherkommen, ob sie fett oder kursiv gedruckt sind, ob unterstrichen oder markiert. Verstehen Sie, was ich meine? Ein Vertrag gilt, sobald er unterzeichnet ist. Das ist Ihnen ja hinlänglich bekannt. Und der Mandatsvertrag ist unterzeichnet, und jede einzelne Seite von jedem Unterzeichner paraphiert. Wenn gestresste Manager vergessen oder leichtsinnig versäumen, Verträge anzupassen, ist es nicht unsere Aufgabe ihre Versäumnisse auszumerzen oder die betriebswirtschaftlichen Geschehnisse zu interpretieren.» Bräms Schlangengesicht blieb aalglatt. Keine Falte zeigte sich auf seiner Stirn. Sichtlich entspannt genoss er die Situation, die Macht, die ihm sein Status einräumte. Die einzige Faxe in Richtung Eliane, ein aufgesetzer Hundeblick, unterstrich die Banalität seines Vergleichs, den sie in dieser Form schon im dritten Studiensemester als beleidigende Verbalinjurie empfunden hätte.

«Herr Bräm, ich danke Ihnen für die Belehrung. Da stimme ich Ihnen hundertprozentig zu.» Beide bemühten sich seit Beginn der Besprechung mit gewählter Sprache ihre Gemütsverfassung zu verdecken, sich möglichst keine Blössen zu geben.

Bräm schwang im Spielstand deutlich oben aus. Er schloss sekundenlang seine Augen, atmete theatralisch auf. Eindrücklicher hätte er nicht zum Ausdruck bringen können, was er von ihrem erneuten Ansetzen hielt.
Eliane fuhr fort, merklich gereizt: «Trotzdem möchte ich einwenden, dass ...»

«Nein, Frau Rausch», unterbrach er barsch. «Für heute sind wir durch, die Besprechung ist beendet. Eine zweite Besprechung in diesem Gremium terminiere ich nach Weihnachten. Bis dahin bitte ich Sie, ihre Beurteilung zu überarbeiten.» Bräm raffte seine Unterlagen zusammen, erhob sich vom Stuhl am Kopfende des Sitzungstisches. «Danke, Roland.» Mit gekünsteltem Lächeln hielt er Dr. Wildhaber die Hand entgegen und verabschiedete sich. Ein kurzes Nicken, begleitet von «Frau Rausch», genügte ihm als Verabschiedung von Eliane.

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